Kündigungsschreiben auf Schreibtisch neben Smartphone mit AU-Bestätigung

Einleitung: Wenn digitale Bequemlichkeit zur tödlichen Falle für das Arbeitsverhältnis wird

In Zeiten der fortschreitenden Digitalisierung scheint alles nur noch einen Klick entfernt zu sein: Lebensmittel, Reisen und – so suggerieren es dubiose Anbieter im Internet – auch die Krankschreibung. Doch was für den gestressten Arbeitnehmer nach einer schnellen Lösung klingt, um den Gang zum überfüllten Wartezimmer zu vermeiden, kann sich rechtlich als Desaster erweisen.

Als Fachanwaltskanzlei für Arbeitsrecht in Essen beobachten wir mit Sorge, wie immer mehr Beschäftigte auf Angebote hereinfallen, die eine "Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) ohne Arztgespräch" versprechen. Dass dies kein harmloser Trick ist, hat nun das Landesarbeitsgericht (LAG) Hamm in einem wegweisenden Urteil vom 05.09.2025 (Az. 14 SLa 145/25) bestätigt. Wer ein solches Attest nutzt, riskiert nicht nur eine Abmahnung, sondern die sofortige, fristlose Beendigung seines Arbeitsverhältnisses. In diesem ausführlichen Beitrag analysieren wir das Urteil und zeigen Ihnen, wie Sie sich rechtssicher verhalten.

Die juristische Bombe: Das Urteil des LAG Hamm im Detail

Das LAG Hamm entschied im Fall eines IT-Consultants, dass die Vorlage eines Online-Attests, das ohne jeglichen ärztlichen Kontakt (weder persönlich, telefonisch noch per Video) allein durch das Ausfüllen eines Online-Fragebogens zustande kam, eine derart schwere Pflichtverletzung darstellt, dass eine fristlose Kündigung rechtmäßig ist.

Der Sachverhalt: "Privatarzt aus Pakistan per WhatsApp"

Der Kläger, ein IT-Consultant mit einem stattlichen Monatsgehalt von über 5.400 Euro, meldete sich für fünf Tage krank. Statt jedoch einen Arzt in Essen oder Umgebung aufzusuchen, nutzte er ein Online-Portal. Dort füllte er einen Fragebogen aus, bezahlte eine Gebühr und erhielt einige Stunden später per PDF seine AU. Der Clou: Auf dem Attest war die Rede von einer "Fernuntersuchung nur mittels Fragebogen". Als Aussteller war ein "Privatarzt" mit einer WhatsApp-Nummer und einer Adresse in Pakistan (!) angegeben.

Der Arbeitgeber schöpfte Verdacht, als der elektronische Abruf der AU bei der Krankenkasse fehlschlug. Interne Ermittlungen förderten das PDF zutage, das optisch an das alte "Muster 1b" erinnerte, aber inhaltlich das Papier nicht wert war, auf dem es hätte gedruckt werden können. Die Folge: Die fristlose Kündigung.

Die Begründung des Gerichts: Erschütterter Beweiswert und Vertrauensbruch

Das Gericht machte kurzen Prozess. Eine AU soll dem Arbeitgeber beweisen, dass der Mitarbeiter tatsächlich nicht arbeiten kann. Dieser "Beweiswert" ist jedoch nur dann hoch, wenn die AU nach den anerkannten medizinischen Standards der **Arbeitsunfähigkeits-Richtlinie** erstellt wurde. Diese Richtlinie verlangt zwingend eine ärztliche Untersuchung – sei es unmittelbar persönlich oder mittelbar per Videosprechstunde bzw. Telefonanamnese.

Ein Fragebogen allein ist keine Untersuchung. Wer eine solche Bescheinigung einreicht, spiegelt dem Chef vor, er sei ärztlich untersucht worden. Das ist eine bewusste Täuschung. Das Gericht betonte, dass es dabei gar nicht darauf ankommt, ob der Mitarbeiter vielleicht wirklich einen Schnupfen hatte. Der Vertrauensbruch liegt im **Erschleichen** des Dokuments und der damit verbundenen Entgeltfortzahlung.

Hintergrund: Warum sind Fake-Atteste so gefährlich?

Um die Tragweite des Urteils zu verstehen, muss man die Bedeutung der AU im deutschen Arbeitsrecht kennen. Die AU ist das schärfste Schwert des Arbeitnehmers, um seinen Anspruch auf Lohn trotz Krankheit durchzusetzen (§ 3 EFZG). Im Gegenzug muss der Arbeitgeber sich darauf verlassen können, dass ein Mediziner die Diagnose objektiv gestellt hat.

Der zertifizierte Weg der Krankschreibung

Rechtssicher sind heute drei Wege:

  1. Der klassische Weg: Besuch in der Praxis, körperliche Untersuchung.
  2. Die Videosprechstunde: Seit der Pandemie etabliert. Ein Video-Gespräch mit einem Arzt, bei dem dieser sich ein Bild vom Zustand des Patienten macht.
  3. Die telefonische AU: Unter strengen Auflagen (z.B. Patient ist in der Praxis bekannt, keine schwere Symptomatik) für kurze Zeiträume wieder zulässig.

Alle diese Wege haben eines gemeinsam: Es findet eine **Interaktion** zwischen Mensch (Patient) und Mensch (Arzt) statt. Portale, die werben mit "In 2 Minuten zum Krankenschein ohne Gespräch", handeln außerhalb dieser Standards. Sie verkaufen letztlich nur teure PDFs ohne rechtlichen Schutz.

Analyse aus der Anwaltsperspektive: Hat das Gericht es sich zu einfach gemacht?

Als Fachanwälte für Arbeitsrecht müssen wir hier differenzieren. Einerseits ist die Strenge des Gerichts nachvollziehbar: Wenn jeder sich seinen Krankenschein einfach "klicken" könnte, würde das System der Entgeltfortzahlung kollabieren. Die Ehrlichkeit im Arbeitsverhältnis ist ein hohes Gut.

Andererseits üben wir konstruktive Kritik an der mangelnden Flexibilität gegenüber der Digitalisierung. Dass das Gericht eine Abmahnung für entbehrlich hielt, ist eine extrem harte Entscheidung. Gerade bei langjährigen Mitarbeitern (hier seit 2018) könnte man argumentieren, dass ein einmaliger Fehltritt durch Unwissenheit über die Seriosität eines Anbieters nicht sofort zur Existenzvernichtung führen darf. Dennoch zeigt die Tendenz der Rechtsprechung (auch des BGH in ähnlichen Fällen), dass beim Thema "Täuschung über die Gesundheit" die Geduld der Richter am Ende ist.

Was Sie jetzt tun sollten: Praktische Handlungsoptionen für Betroffene

Haben Sie ein Online-Attest genutzt oder zweifelt Ihr Chef Ihre Krankschreibung an? Bleiben Sie ruhig, aber handeln Sie sofort!

Szenario A: Sie haben ein reines Fragebogen-Attest eingereicht

Wenn die AU noch nicht "aufgeflogen" ist, sollten Sie – am besten nach Rücksprache mit einem Anwalt – überlegen, proaktiv zu handeln. Ein Weg könnte sein, sofort einen echten Arzt aufzusuchen und eine korrekte Bescheinigung nachzureichen. Behaupten Sie niemals, Sie hätten ein Gespräch geführt, wenn dies nicht der Fall war. Die Lüge im Prozess ist oft gefährlicher als der ursprüngliche Fehler.

Szenario B: Die Kündigung liegt bereits im Briefkasten

Jetzt zählt jede Sekunde. Sie haben nach Erhalt der Kündigung exakt **drei Wochen Zeit**, um eine Kündigungsschutzklage beim Arbeitsgericht (z.B. Arbeitsgericht Essen) einzureichen. Verpassen Sie diese Frist, ist die Kündigung wirksam – egal wie falsch sie inhaltlich sein mag.

Szenario C: Der Arbeitgeber fordert die Entgeltfortzahlung zurück

Oft folgt auf die Kündigung die Rückforderung des bereits gezahlten Gehalts. Hier prüfen wir für unsere Mandanten, ob der Arbeitgeber den Beweiswert wirklich erschüttert hat oder ob wir durch eine nachträgliche Zeugenaussage Ihres wirklichen Hausarztes die Krankheit dennoch beweisen können.

Checkliste: So erkennen Sie seriöse Online-Ärzte

  • Findet ein Gespräch statt? Wenn kein Video- oder Telefonat erfolgt: Finger weg!
  • Wo sitzt der Arzt? Eine deutsche Zulassung und ein Praxissitz in Deutschland sind für die Akzeptanz beim Arbeitgeber und der Krankenkasse essenziell.
  • Werden die Daten an die Krankenkasse übermittelt? Seit 2023 ist die eAU Pflicht. Wenn der Arzt Ihnen nur ein PDF schickt und sagt "Reichen Sie das selbst ein", ist Vorsicht geboten.
  • Kostet es extra für "ohne Gespräch"? Anbieter, die verschiedene Tarife für die Stärke des Beweiswerts anbieten, sind hochgradig unseriös.

FAQ: Die 5 brennendsten Fragen zum Online-Attest

Darf mein Chef eine Online-AU generell ablehnen?

Nein, eine rechtssicher erstellte eAU (z.B. via offizieller Telemedizin-Anbieter mit Video-Kontakt) muss er akzeptieren. Er darf sie nur ablehnen, wenn konkrete Zweifel am Beweiswert bestehen (z.B. keine Untersuchung erfolgt).

Warum reichte eine Abmahnung im Hamm-Urteil nicht aus?

Weil das Gericht die Vorlage eines "geklickten" Attests als **Vorsatztat** zur Erschleichung von Lohn wertete. Bei Straftaten oder schwerem Vertrauensmissbrauch ist eine vorherige Warnung (Abmahnung) rechtlich entbehrlich.

Was unterscheidet die außerordentliche von der verhaltensbedingten Kündigung?

Die außerordentliche Kündigung ist fristlos – Sie sind sofort raus. Die verhaltensbedingte Kündigung hält meist die Kündigungsfrist ein. Im Fall von Attest-Betrug wird meist beides hilfsweise erklärt.

Kann ich trotz verlorenem Prozess noch Arbeitslosengeld bekommen?

Vorsicht: Bei einer fristlosen Kündigung wegen eigenem Fehlverhalten verhängt die Arbeitsagentur oft eine **Sperrzeit** von bis zu 12 Wochen. Ein weiterer Grund, um die Kündigung gerichtlich anzugreifen.

Gilt das Urteil auch für die private Krankenversicherung?

Das Arbeitsrecht unterscheidet hier nicht. Der Arbeitgeber schuldet die Entgeltfortzahlung. Wenn das Attest rechtlich wertlos ist, entfällt die Zahlungspflicht, egal wie Sie versichert sind.

Zusammenfassung: Ihr Schutzschild im Arbeitsrecht

Das Urteil des LAG Hamm ist ein Paukenschlag für die digitale Arbeitswelt. Es stellt klar: Wer bei der Krankmeldung schummelt, spielt mit seiner Existenz. Die Kanzlei Tholl in Essen empfiehlt daher dringend: Nutzen Sie nur zertifizierte Wege der Krankschreibung mit echtem Arztkontakt.

Sollten Sie Fragen zu einer Abmahnung oder Kündigung haben, vertrauen Sie auf unsere Expertise. Wir begleiten Sie durch den juristischen Dschungel und kämpfen für Ihr Recht – sachlich, professionell und mit dem nötigen Biss.

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